she | her | Hallo Anke | du
Du sagst, wir leben in der besten alle Zeiten.
Warum fühle ich mich dann, als wäre es 5 Minuten vor Weltuntergang?
Ricarda Daniela Pracht | Küchenpsychologin
she | her | Hallo Ricarda | du
Weil du dich von Medien berieseln lässt. Wobei du das Wort Medien in diesem Fall ziemlich weit auslegen kannst. Ob Tagesschau oder Talkshow, ob Reichstag oder Bierzelt, du bekommst überall überwiegend negative Themen präsentiert.
Übrigens nicht, weil eine Weltverschwörung der Eliten uns gezielt in Angst halten will. Sondern, weil die Mehrheit der werberelevanten Zielgruppe solche Inhalte fordert.
she | her | Hallo Anke | du
Wer fordert denn bitte Inhalte, die einen den Glauben an die Menschheit verlieren lassen?
Ricarda Daniela Pracht | Küchenpsychologin
she | her | Hallo Ricarda | du
Wir alle, wenn wir uns berieseln lassen und einfach so durchs Netz surfen.
Evolutionsbedingt reagieren wir stärker auf Gefahr. Vor 70.000 Jahren waren das tödliche Gefahren. Den Schmetterling sehen war schön. Die Schlange rechtzeitig erkennen, war überlebenswichtig.
Heute, in unserer modernen Welt, haben wir diese realen Gefahren gut eingedämmt.
Unsere Amygdala ist aber nicht einfach in Rente gegangen.
Sie reagiert jetzt auf gefühlte Gefahren.
Wenn du dich berieseln lässt — ob von einer gedruckten Zeitung, einer digitalen Zeitung oder TikTok — übergibst du die Kontrolle an deine Amygdala. Die Amygdala ist extrem leicht zu manipulieren. Ein Buzzwort in einer Schlagzeile, ein geschickt ausgewähltes Bild, ein gut geschnittenes Video: schon bleibt unsere Aufmerksamkeit dran hängen.
Der Rest ist seelenlose Statistik. Eine Million Minuten Screen-Time lassen sich mit dem passenden Algorithmus in soundsoviel tausend Euro Werbeeinnahmen verwandeln.
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Wir steuern also unterbewusst selbst, was wir zu sehen bekommen, weil unsere Amygdala in Ermangelung echter Todesgefahren zur Drama-Queen wurde?
Ricarda Daniela Pracht | Küchenpsychologin
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Ja. Mit tausend Ausnahmen und einer Million Sonderfälle, aber für die breite Masse unserer täglichen Entscheidungen kann man es nicht besser beschreiben.
she | her | Hallo Anke | du
Angenommen, wir könnten alle einen Schalter in uns umlegen. Statt uns berieseln zu lassen, würden wir gezielt nach den wichtigsten Themen suchen. Dann würden wir doch auch wieder bei Kriegen, Klimakrise und den Gefahren durch künstliche Intelligenz landen.
Unsere Welt ist ja ganz real auf vielen Ebenen für viele Menschen schlecht. Sie wird also nicht schlecht geredet, sie ist wirklich schlecht.
Sie hat viele schlechte Seiten, da hast du recht. Dennoch geht es den Menschen heute überwiegend besser als jemals zuvor. Nicht nur in Deutschland. Fast überall.
Mir geht es auch nicht darum, die schlechten Seiten auszublenden. Ich will nur aus dieser Trostlosigkeit raus, aus diesem Gefühl, dass es immer schlecht bleiben wird und wir nur ohnmächtig zusehen können.
Tatsächlich haben wir doch mehr Macht als je zuvor.
Denk nur an einen Zeitungskiosk. Negative Themen dominieren auch dort. Du sollst ja zugreifen und kaufen, wenn du deinen Blick über die hundert verschiedenen Magazine schweifen lässt. Entsprechend überbieten die sich mit ihren Schlagzeilen und Cover-Fotos.
Du hast aber immer die Wahl, ob du ein Politik-Magazin kaufst oder eines über Garten, Architektur, Reisen, Essen, Sport, Kunst, Philosophie. Manchmal gibt es sogar die happinez.
Diese Vielfalt, die Freiheit selbst zu bestimmen, was du kaufst, ist für sich schon ein Zeichen dafür, dass wir heute in der besten aller Zeiten leben. Früher haben die Kirchen und Könige bestimmt, ob wir lesen durften und was überhaupt gedruckt wurde. Dann kamen Diktatoren und Parteien mit Zensurbehörden und Bücherverbrennungen. Heute sind wir selbst unsere eigenen Zensoren.
Wir leben in der besten aller Zeiten, aber wir nutzen es nicht.
Heute bietet jedes einzelne Smartphone Zugang zu mehr Wissen, als 1985 in allen Bibliotheken der Welt zusammen verfügbar war.
Das Temu-Gratis-Tablet heute hat mehr Rechenleistung als der Super-Computer, mit dem die NASA die erste Mond-Mission berechnet hat. Was machen wir damit? Wir spielen Candy Crush.
Wir verbringen zu viel Zeit damit, mehr zu fordern, anstatt darüber nachzudenken, wie wir mit den vorhandenen Ressourcen Träume verwirklichen. Wir vergeuden unsere wertvollste Ressource — Zeit — mit endlosen und immergleichen Diskussionen.
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Was schlägst du stattdessen vor?
Ricarda Daniela Pracht | Küchenpsychologin
she | her | Hallo Ricarda | du
Ich schlage gar nichts vor. Vorschlagen ist so ein gewaltiger Begriff. Ich empfehle allenfalls oder sage meine Meinung.
she | her | Hallo Anke | du
Guter Punkt. Was empfiehlst du dann, um unsere Zeit sinnvoller zu nutzen? Einfach mal machen, wie die Rhöndorf-Blauen fordern?
Ricarda Daniela Pracht | Küchenpsychologin
she | her | Hallo Ricarda | du
Einfach mal machen ist ein guter Rat, wenn du den Keller entrümpeln willst. Es geht aber doch darum, wie wir, unsere Kinder und Enkel die nächsten hundert Jahre leben werden.
Da bringt uns binäres Denken nicht weiter.
Reden oder machen.
Schwarz oder weiß.
Schlecht oder gut.
Mann oder Frau.
Reich oder arm.
Die Welt ist doch bunt.
Alles geht fließend ineinander über.
Natürlich muss am Anfang eine Mitsprache stehen. Allerdings nicht, damit alte graue Männer in blauen Anzügen ihre übergroßen Egos Gassi führen. Sondern lösungsorientiert.
Nicht herum trompeten, warum der eigene Vorschlag der einzig richtige Weg sein sollte.
Sondern auch mal zuhören und gemeinsam möglichst viele passende Wege finden. Es sollen doch alle auf ihre Weise glücklich werden.
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Damit hast du gut beschrieben, was #dasThema mit den Lesa-Meinungen erreichen will und weshalb die moderiert und anonymisiert sind.
Glaubst du, wir haben damit die Brücke gebaut, die die Redaktion für #dasThema haben wollte?
Ricarda Daniela Pracht | Küchenpsychologin
she | her | Hallo Ricarda | du
So halbwegs schon. Aber noch sehr theoretisch. Wir müssen Beispiele dafür liefern, wie aus #mitreden ein #bessermachen wird.
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